Category Archives: Arbeitslosigkeit

3 Millionen – eine magische Zahl?

In Folge des jüngsten Berichts der Bundesarbeitsagentur hat die tagesschau folgenden Beitrag gemacht:

https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-490253~player_branded-true.html

Der zugrundeliegende Bericht ist hier zu finden:

https://statistik.arbeitsagentur.de/Statistikdaten/Detail/201812/arbeitsmarktberichte/monatsbericht-monatsbericht/monatsbericht-d-0-201812-pdf.pdf

Die Agentur vermeldet neue Rekorde bzgl. historisch niedriger Arbeitslosenzahlen. Das ist eine positive Nachricht, zu Beginn eines erneut als “Super” appostrophierten Wahljahres. Und die Zahlen erwerbloser und arbeitsuchender Menschen werden mit Sicherheit zurückgegangen sein. In Zahlen heisst das erstmal:

“Im Dezember 2018 lebten in 2.995.000 Bedarfsgemeinschaften 5.635.000 Personen, die einen Anspruch auf Regelleistungen nach dem SGB II hatten. Damit waren –mit Ausnahme im Januar 2005 – seit der Einführung des SGB II noch nie so wenige Haushalte in Deutschland auf die Grundsicherung für Arbeitsuchende angewiesen.” (Statistik der Bundesagentur für Arbeit Dezember 2018: S. 26)

Diese Statistikberichte sind von der Formulierung her natürlich relativ gleichförmig. Spannend wird es aber, wenn es an die Berichterstattung geht. Denn anders als für gewöhnlich wird eine Marke in den Vordergrund gerückt, die Haushalte oder im Fachjargon Mehrpersonenbedarfsgemeinschaften. Da letzterer Terminus in den Berichten immer wieder gefallen ist schreibe ich dies hier überhaupt, denn er kommt in Medien und im Alltag der Betroffenen so gut wie nicht vor. Normalerweise sind es Haushalte über die berichtet wird. Und die Familien sehen sich, logischerweise, als Familie. Aber irgendetwas scheint diese Grenze von 3 Millionen an sich zu haben, vielleicht ein Gefühl von Vollbeschäftigung, die ja immer noch den politischen Diskurs dmoniert? Ich fand es jedenfalls interessant, wie sich die Darstellung verändert, wenn es opportung erscheint. Fast schon wie damals, als Ursula von der Leyen als damalige Bundearbeitsministerin eigenmächtig wie publikumswirksam die frohe Kunde von unter 3 Millionen Arbeitslosen verkündete. Erinnert sich überhaupt noch jemand daran?

Umso erfreulicher ist es dann, einen Bericht des Deutschlandfunks zu lesen, der schon im Teaser auf die verschiedenen Faktoren für diesen Rückgang hinweist und diese Blitzlichter vermeitlich positiver Arbeitsmarktentwicklungen in einen größeren Zusammenhang rückt. Einer der zentralen Faktoren ist, dass immer mehr Beziehende von Grundsicherung in Rente gehen. An der prekären lage Vieler ändert dies dann nur bedingt etwas, aber an ihrem Ort, an dem sie verwaltet werden.

https://www.deutschlandfunk.de/arbeitsmarkt-zahl-der-hartz-iv-haushalte-deutlich-gesunken.1766.de.html?dram:article_id=437482

Bei der kurzen Recherche hierzu bin ich auf einen Artikel der Wirtschaftswoche aus 2010 gestoßen. Der kam passenderweise heraus, als Ursula von der Leyen die 3 Millionen Arbeitslosen publik gemacht hatte. 😀

“Erstmals seit 1991 ist die Arbeitslosenzahl in einem Oktober-Monat unter die Grenze von drei Millionen gefallen. Dennoch sind sich Ökonomen einig, dass dieser Herbst eine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt markiert. Langsam, aber sicher verabschiedet das Land sich aus der Ära der Massenarbeitslosigkeit, die das Lebensgefühl in der Bundesrepublik über Jahrzehnte prägte.” Wer wie ich in den späten 1990er Jahren als Teenie gerne Nachtichten gesehen hat, kennt diese Grundstimmung, die ich mit dem Begriffsild von Deutschland als den kranken Mann Europas assoziiere. Seit 10 Jahren wird dagegen lieber  die Vorstellung vom Exportweltmeister betont. So können sich Bilder verändern…

Und der Artikel befeuerte die positive Grundstimmung damals schon sehr. Aber auch 2010 war schon absehbar, und es spricht für die WiWo dass auf die Gründe für diese rosigen Aussichten hinwies.

“Dafür sorgt allerdings weniger die Politik, sondern vor allem die demografische Entwicklung, die das Angebot an Arbeitskräften in den kommenden Jahren schmilzen lässt. Irgendwann könnten Arbeitnehmer zum begehrtesten, weil knappsten Produktionsfaktor werden.”

Der Fachkräftemangel ist auch wieder solch ein griffiges Bild, das man, sobald man es hört, zu fassen können glaubt. Ähnlich wie die 3 Millionen. Oder Vollbeschäftigung. Und bei beiden Begriffsbildern sollte man seine eigenen Assoziationen hinterfragen und sich überlegen, was das mit einem macht.

 

  • Statistik der Bundesagentur für Arbeit Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt – Monatsbericht zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt, Nürnberg, Dezember 2018

 

 

 

 

 

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